Zwei Pilgertage mit Abgeordneten
An der Kassettendecke der Loreto-Kapelle in Stockach
Am 3. und 4. August luden MdB Andreas Jung und MdL Andreas Hoffmann zum gemeinsamen Pilgern auf dem Hegauer Jakobsweg. Zur Überraschung vieler war die Zahl der Teilnehmer recht groß. Der Vorstand der Jakobspilger-Gemeinschaft war ebenfalls eingeladen, so dass der Geschäftsführer hier seine persönlichen Eindrücke über zwei sehr vielschichtige Tage hinterlässt. Es waren situationsabhängig zwischen 80 und 150 Pilger und Helfer beteiligt, die offensichtlich etwas über ihr Christsein im politischen Zusammenhang lernen wollten.

Als Ausgangspunkt wählte die Gruppe am Montag die Loreto-Kapelle in Stockach, wo Pfarrer Lienhard nach der Morgenandacht den Pilgersegen erteilte und alle auch auf ihren je persönlichen Weg schickte. Er prägte das Wort der Weggefährten, das fortan zum Schlagwort für die Ansprache des Gemeinsinns bildete. Wer unter übermäßig frommer Aufgeladenheit oder begeisterungsbedingter Übermotivation litt, wurde schnell auf den Boden der Tatsachen gebracht. Zunächst schoss man gleich am ersten Wegzeichen vorbei in die falsche Richtung. Anlass zum Crashkurs Orientierung mit Hilfe der stilisierten Jakobsmuschel. Und der anschließend einsetzende Dauerregen lehrte uns, was Pfarrer Lienhard während seiner Andacht mit „Es ist, wie es ist“ meinte. Auch so manches Schuhwerk schien mehr berlin- als jakobswegtauglich. Die Annahme der Situation tat der Fröhlichkeit jedoch keinen Abbruch.
Pilger Horst Eberl unter der Figur des Pilgerpatrons Rochus, dem Pestheiligen und Jakobspilger aus Montpellier
Wallfahrts- oder Pilgerort?
In Ludwigshafen an der St. Anna-Kapelle warteten die ersten Gastgeber auf die Pilgergruppe. Damit verbunden war eine kleine Führung, bei der die Wallfahrtsgeschichte vorgestellt wurde. Es zeigte sich ein Phänomen, das sich bei allen Kirchenführungen wiederholte: die Referenten sind alle tief verwurzelt in ihrer Heimat und der lokalen Bedeutung ihrer Gotteshäuser, wo hingegen die Bezüge zum Jakobspilgern nicht so recht im Bewusstsein der Ortsansässigen sind wie die regionalen Bräuche. Bei der Anna-Kapelle war dies besonders markant, da zwei der vier Heiligenstatuen Pilgerpatrone darstellen: Der Heilige Rochus im Kleid des Jakobspilgers und der Heilige Wendelin.
Über Lebensrecht und Naturschutz bei Mensch und Tier
Auf dem Camino am Bodenseeufer wird es (endlich?) sach-politisch. Ein Naturschützer erklärte die Situation am Ende des Überlinger Sees und der Zuhörer konnte nicht nur die Lebensbedingungen des gleichermaßen unbeliebten wie geschützten Kormorans kennen lernen, sondern auch die widersprüchliche oder zumindest uneindeutige Situation angesichts der Gesetzgebung nach Entscheidungen zur embrionalen Stammzellenforschung un den damit verbundenen Fragen nach dem Schutz menschlichen Lebens.
Wilderich Graf von und zu Bodman erläutert die Unterschiede zwischen französischer und englischer Gartenbaukunst
Mit der Ankunft in Bodman kam man nicht nur in den namensgebenden Ort des Bodensees. Leichte Polizeipräsenz und zivile Sicherheitskräfte verwiesen auf die Ankunft von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der sich mehr oder weniger freiwillig unterm roten Regenschirm den Fotografen stellte. Wilderich Graf von und zu Bodman erläuterte zunächst die Geschichte Bodmans in der St. Peter und Paul-Kirche, ehe er in den Garten seines Schlosses zu hauseigenem Wein und Leberkäs einlud. Zusätzlich gab es eine kurze Einführung in die Prinzipien der Gartenbaukunst und in welcher Weise ein bühnenähnliches Konzept in Bodman umgesetzt wird. Anschließend brachte ein Bus alle Interessierten Teilnehmer nach Radolfzell ins Bernhardshaus, wo der Vortrag mit Prof. Lammert stattfand. Die nun verstärkten Sicherheitskräfte beschützten weitere Prominenz wie den ZDF-Intendanten Markus Schächter. Allerdings goss es dermaßen, dass sich vermutlich auch der hinterhältigste Verbrecher zum Verzicht auf irgendwelche Schandtaten entschlossen hätte.
Bundestagspräsident Lammert und das hohe C in der Politik
Der Sozialwissenschaftler identifizierte die Ursache für das Mindestmaß an Werteübereinkünften, die eine Gesellschaft überhaupt funktionsfähig mache, weniger im politischen System als vielmehr in der Religion. Der Bochumer Katholik präsentierte Glauben und politisches Handeln als zuweilen inkongruente Partner, denn - so die Kernaussage - Religion fragt nach Wahrheit, während Politik den Kompromiss aus aktuellen Interessen schließen muss.

Restaurative Forderungen wurden jedoch nicht gestellt. Geistvoll und selbstironisch warb der brillante Rhetor für Einsicht in die eigenen Grenzen und für die Übernahme von Verantwortung durch Christen, auch in der Politik. Die Komplexität des Themas fordere zunächst Unterscheidung in Sachfragen. Beispielsweise habe die Verkehrsinfrastruktur (welche die meisten Steuermittel bindet) wenig bis gar nichts mit christlichem Glauben zu tun, wo hingegen Fragen der Genmanipulation mit Fraktionszwang kaum sinnvoll entschieden werden können. Ebenso rät er zur Zurückhaltung in der Äußerung religiöser Bekenntnisse in der Politik, da diese bei der Machtausübung immer Gefahr laufen, der politischen Taktik anheim zu fallen. Im Gegensatz hierzu kann auch der Politiker als Christ in Konflikt mit seiner Kirche geraten, wie der Donum-Vitae-Mitbegründer aus eigener Erfahrung um den Ausstieg der Bischofskonferenz aus der Schwangerenkonfliktberatung in den 80er Jahren weiß.
Mit offenen Fragen leben lernen
Das Wichtigste sei das Engagement von Christen im nichtprivaten Raum, damit der Glaube in die gesellschaftliche Werteentwicklung einfließen kann. Den Krisenrednern und Berufspessimisten empfahl Dr. Lammert, einmal ins Ausland zu fahren oder mit im Ausland lebenden Gästen zu sprechen. Dann könne man Deutschland kennen lernen. Seiner Erfahrung nach wird unser Land von außen verwundert bewundert für das bereits Erreichte, während die Deutschen in ihrem Perfektionismus dazu neigten, 95%iges Gelingen als maximales Versagen zu interpretieren.
MdB Andreas Jung mit den Pilgern auf dem Jakobsweg nach Allensbach
Wieder unterwegs
Frei von Paradoxien und Regengüssen begann der zweite Tag der Pilgerei wieder mit einer Andacht, diesmal in der Laurentiuskirche in Markelfingen. Pfarrer Bernhard Riegling, der am Vorabend auch Gastgeber in Radolfzell war, sendete die Pilgerschar erneut aus, ehe man sich durch den Wald oberhalb des Gnadensees nach Allensbach aufmachte. Dort angekommen machte Pfarrer Alexander Halter eine “geistige Kirchenführung” und vermittelte den Gästen neben der historischen Verwurzelung der Pfarrgemeinde in der Klosterinsel Reichenau die kirchliche Dimension des Pilgerns. Sie sei gerade im wörtlichen Ursprung Kirche, denn die Gotteshäuser sind in erster Linie Gebetsräume und dabei nicht isolierter Ort kirchlicher Existenz. Kirche ist im unterwegs Sein im Namen Christi konstituiert, im bekennenden Handeln aus dem Glauben, das im Alltag gelebt wird.
Für Seele und Leib
Nach der spirituellen Nahrung ging es zum Allensbacher Torkel, wo Fleischkäse endgültig als fester Bestandteil in der Nahrungskette des Pilgers etabliert wurde. Wieder auf der Halbhöhe konnten alle bei Sonnenschein ein wenig den am Wegesrand zufallenden Tagesgeschäften nachgehen: Büroarbeiten mit dem Blueberry, Eis essen, Gedichtrezitationen oder ein Krankenbesuch in der Klinik Schmieder waren zu beobachten. Wer nicht so gut zu Fuß war, nutzte seine Ortskenntnisse für Abkürzungen und dem herrlichen Blick auf die Insel Reichenau konnte sich zum Glück niemand entziehen.
Die Klosterinsel Reichenau
Den Anderen zu Diensten
Nach dem Kennenlernen mancher wichtigen Heiligen gehörte die vorletzte Station einer Ortsheiligen. Die Kreuzschwestern im Kloster Hegne präsentierten den Gästen einen Film über die Selige Ulrika von Hegne, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu ihrem frühen Tod ein Leben zwischen äußerer Einfachheit und inneren Kämpfen führte. Nach ihrem frühen Tod setzte eine unerwartete Verehrung ein, die durch zahlreiche Gebetserhörungen bezeugt ist und 1987 zur Seligsprechung von Schwester Ulrika führte.
Im Klostergarten von Hegne
Im Klostergarten war dann neben Kaffee und Kuchen bereits Zeit für positive Resumées. Die Beuroner Jakobspilger-Gemeinschaft konnte sich noch einmal für die Einladung bedanken und alle Interessierten zu einem Besuch in das Pilger-Büro und zum nächsten Jakobspilger-Treffen am 12. September in Beuron einladen. Spürbar war bei allen die Entschlossenheit, die neuen Impulse anzunehmen und auszubauen. So konnten die Teilnehmer innerhalb zweier Tage sehr viele Eindrücke und Begegnungen mitnehmen und den Jakobsweg als etwas kennenlernen, an dessen Wegrand sich alle existenziellen Themen des Lebens abspielen können. Und in diesem Sinne ist er alles für alle außer ein Fluchtweg.
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